26. Mai 2020

Verlässlicher Begleiter im Alltag der Soldaten


Karl-Martin Unrath, Militärpfarrer in Saarlouis, erzählt von den vielfältigen Aufgaben eines Militärgeistlichen.

Auf der Internetseite des Bundesministeriums für Verteidigung heißt es: „Die Militärseelsorge schlägt die Brücke zwischen dem christlichen Glauben und dem militärischen Auftrag der Soldaten“. Ein inhaltsschwerer Satz, der sogleich viele Fragen aufwirft. Wie soll das denn gehen? Wie sind christliche Überzeugungen wie das Streben nach Frieden und Versöhnung in Einklang zu bringen mit der grausamen Realität kriegerischer Handlungen? Was sind die Aufgaben der Militärgeistlichen?  Wie schaffen sie es, Glauben zu leben, zu vermitteln und mit der Kraft des Glaubens da zu stützen und zu halten, wo ein Soldat angesichts seiner harten Arbeits-wirklichkeit vielleicht ins Bodenlose zu stürzen droht?

Pfarrer Karl-Martin Unrath ist seit zweieinhalb Jahren evangelischer Militärpfarrer. Seine Dienststelle befindet sich in der Graf-Werder-Kaserne in Saarlouis, doch er ist auch zuständig für die weiteren saarländischen Standorte der Bundeswehr in Merzig, Lebach, Eft-Hellendorf bei Perl sowie St. Wendel. „Bevor ich Militärpfarrer wurde, hatte ich mein Leben lang gar nichts mit der Bundeswehr zu tun, und ich hatte lange Zeit eine sehr skeptische Einstellung zu allem Militärischen. „Als junger Mann habe ich Zivildienst geleistet, anstatt zur Bundeswehr zu gehen“, erinnert sich Unrath. Er ist, nach manchen anderen Aufgaben, seit fünf Jahren Schulpfarrer in Saarbrücken, als noch einmal der Wunsch nach einer beruflichen Veränderung in ihm wächst. „Ich habe nach einer Herausforderung gesucht und wollte mir noch einmal einen ganz neuen Bereich erschließen“, erzählt er. Die Stelle des evangelischen Militärpfarrers in Saarlouis war damals seit einiger Zeit vakant und Unrath bewarb sich – obwohl oder gerade weil ihm die Arbeit der Militärseelsorge bis dahin völlig fremd war. Auch hatte sich zu diesem Zeitpunkt Karl-Martin Unraths politische Weltsicht verändert. „Als junger Mann war ich überzeugt, dass der demonstrative Gewaltverzicht der einen notwendigerweise alle anderen friedfertig machen müsse. Aber offensichtlich ist das nicht so.“  Sein politisches Aha-Erlebnis war die Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014. „Das hat mir klargemacht: So ist das, wenn ein Land sich nicht wehren kann.“ Er ist heute überzeugt, dass ein Land wehrhaft sein muss, um Frieden, Freiheit und Demokratie zu wahren.  „Militärisches Einschreiten kann immer nur das allerletzte Mittel sein, wenn alle anderen Maßnahmen nicht mehr greifen. Es ist die ultima ratio. Soldaten sind keine Kriegstreiber. Kein vernünftiger Mensch will Krieg, und auch keiner unserer Soldaten will Krieg“, sagt er. „Ich habe alle – vom niedrigsten bis zum höchsten Dienstgrad – als höchst verantwortungsvolle und reflektierte Menschen kennengelernt, die sich viele Gedanken über ihr Tun machen.“

In seelischen Krisensituationen, etwa bei der Bewältigung traumatischer Erlebnisse, aber auch zur Unterstützung bei ganz normalen Alltags- und Lebensproblemen, wie sie ein jeder kennt, steht den Soldaten ein breit gespanntes psychosoziales Netzwerk zur Verfügung, wozu etwa die Truppenpsychologie und auch die Militärseelsorge gehören. Einen kleinen, aber sehr wichtigen Unterschied gibt es: Der Militärgeistliche ist nicht Teil der militärischen Struktur und hat keinen militärischen Dienstgrad. Er unterliegt der absoluten Schweigepflicht. Anders der Truppenpsychologe. Der ist als Angehöriger der Armee – stünde es Spitz auf Knopf – seinem Vorgesetzten gegenüber meldepflichtig.  Viele Soldaten suchen daher bewusst das vertrauliche Gespräch mit dem Geistlichen, auch wenn es um die Schlichtung kleiner Nickeligkeiten mit Kameraden oder Vorgesetzten geht oder ein anderes zwischenmenschliches Problem der Mediation bedarf.

Die seelsorglichen Angebote für die Bundeswehrangehörigen sind vielfältig. Einen breiten Raum nehmen die sogenannten „Rüstzeiten“ ein. Dies sind mehrtägige Reisen, mal über ein Wochenende, mal für eine ganze Woche, für die Soldaten und Soldatinnen sowie die zivilen Mitarbeiter der Standorte, zum Teil auch für ihre Familien. Auf dem Programm dieser Freizeiten, die immer unter ein bestimmtes geistliches Leitthema gestellt sind, stehen die gemeinsame Auseinandersetzung mit diesem Thema in Gruppenarbeit oder Vorträgen sowie Gottesdienste, aber auch erholsame Freizeitgestaltung und qualifizierte Betreuung der Kinder.  „Im August wollten wir eigentlich zu den Passionsspielen nach Oberammergau. Unter der Überschrift ‚Passioniert leben‘ wollten wir uns mit dem großen Themenkreis des Leidens, aber auch des leidenschaftlichen Lebens befassen. Das ist nun schon die zweite Rüstzeit, die wir wegen der Corona-Krise absagen mussten“, erzählt Unrath.

Während die Rüstzeiten ein optionales Angebot sind, ist für jeden Soldaten, vom Gefreiten bis zum General, die Teilnahme am sogenannten LKU, dem lebenskundlichen Unterricht, verpflichtend. Obwohl im Normalfall der Unterricht von den Militärgeistlichen gehalten wird, handelt es sich nicht um Religionsunterricht. Er ist am ehesten zu verstehen als ein neutraler Ethikunterricht, in dem Themen wie Freiheit, Terrorismus, Extremismus, Fundamentalismus, aber auch Fragen rund um Leben und Tod, Verwundung, Trauer, Schuld, Versagen, Gewissen, Religion, Konflikt- und Friedensethik auf dem Lehrplan stehen. Auch Probleme aus der persönlichen Lebenswirklichkeit der Soldaten und Soldatinnen, wie etwa die nicht immer einfache Vereinbarkeit von Familie und Dienst, werden hier besprochen.  „Wir unterrichten nicht als Geistliche, sondern als neutrale Lehrer“, erläutert Unrath. „Der Unterricht wurde aus rein sachlichen Gründen den Militärgeistlichen übertragen, weil sie von ihrer Ausbildung her einfach das didaktische und pädagogische Rüstzeug zum Unterrichten mitbringen“.

Natürlich hält der Militärpfarrer auch regelmäßig Gottesdienste, sowohl am Standort, als auch im Feld, wenn er die Truppe ins Manöver, zur Übung oder in den Auslandseinsatz begleitet. Ein solcher steht Pfarrer Unrath noch bevor; geplant ist für ihn im nächsten Jahr ein viermonatiger Einsatz im Irak. „Die Gottesdienste sind an unseren saarländischen Standorten immer ökumenisch und werden von meinem katholischen Amtskollegen, Pfarrer Marius Merkelbach, und mir gemeinsam gestaltet.“ Ein interessanter Aspekt: Zumindest in der Heimatkaserne hängt der Besuch der Gottesdienste stark vom jeweiligen Vorgesetzten der Soldaten ab. So steige die Besucherzahl sofort, wenn der Führungsoffizier selbst teilnehme und seine Leute freundlich auffordere, ebenfalls mitzukommen. Auch zum Abschluss der Grundausbildung der Rekruten am Standort Merzig, bei ihrem feierlichen Gelöbnis, wird Gottesdienst gefeiert.  

Die Nachfrage nach seelsorglicher Begleitung empfindet Karl-Martin Unrath durchaus als stark. Manchmal wird sein Beistand in schwerster seelischer Not gebraucht, so etwa wenn ein Soldat im Einsatz Erschütterndes erlebt und danach eine posttraumatische Belastungsstörung entwickelt.

Doch in den meisten Fällen gehe es um allgemeine Lebensfragen, wie Beziehungsprobleme, Erziehungsprobleme, Suchtprobleme oder Trauerarbeit. Dinge also, die nicht unbedingt etwas mit dem Soldat-Sein zu tun haben, sagt er.  Unrath freut sich über das Vertrauen, das ihm entgegengebracht wird und das auch darin seinen besonderen Ausdruck findet, dass Soldaten und Soldatinnen von ihm getraut werden wollen oder ihre Kinder von ihm taufen lassen.

Pfarrer Unrath ist sein tiefes Verständnis für die Soldaten mit ihren Nöten und Sorgen deutlich anzumerken.  „Wissen Sie“, sagt er zum Abschluss des Telefongespräches, wir Militärseelsorger hören oft die Kritik, wir machten die Soldaten seelisch ‚fit for fight‘, also widerstandsfähig und bereit für den Kampf. Doch diese Sicht der Dinge geht an der Arbeit der Militärseelsorge vollkommen vorbei. Wir segnen keine kriegerischen Handlungen und wir segnen keine Waffen. Wir begleiten den Menschen, wir reden mit ihm über den Glauben, wir begleiten und stärken den Soldaten als Mensch in allen Krisen und Lebenslagen durch die Verkündigung von Gottes Wort, durch Seelsorge und Lehre“.

von Andrea Reinmann





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